Weihnachtsgeschichten

Christkind

Mein Christkind

Christkind

 

Eines Tages ist es wieder soweit. Der graue November geht zu Ende und der Weihnachtsmonat Dezember übernimmt das Regiment. Nun sollen wieder alle Zimmer weihnachtlich geschmückt werden. Papa hat seiner kleinen Emily erzählt, dass auch bald wieder das Christkind vom Fenster aus mit seinem Lichterbogen in die Welt strahlen wird.

 

"Das Christkind? Habe ich das schon gesehen?" fragt sie. "Ja. Wie in den letzten Jahren holen wir es wieder aus seinem Versteck. Du wirst sehen, dass du es schon kennst."

 

In einem extra großen Karton steht es mit all den anderen Weihnachtssachen im Schrank. Sicher und trocken, damit es noch lange erhalten bleibt.

 

Papa wird immer richtig sentimental, wenn er sein Christkind sieht oder an es denkt. Seine Eltern haben es extra für ihn, als er noch ein kleines Kind war und mit ihnen im erzgebirgischen Crottendorf wohnte, herstellen lassen.

 

Dort war es bei vielen Familien Brauch, dass für jedes Kind ein Christkind ins Fenster gestellt wurde. Für Jungen mit blauer Haube und Schal, während die Christkinder der Mädchen in Rosa gekleidet sind. Noch heute sieht man viele von ihnen in der Weihnachtszeit an den geschmückten Fenstern stehen. Und auch neue Christkinder werden in Crottendorf liebevoll gefertigt.

 

Vor einigen Jahren ließ Papa sein Christkind sogar in Crottendorf neu einkleiden. Es bekam einen neuen Mantel aus Kaninchenfell, eine schicke Haube und Schal. Und ganz wichtig, einen superschönen Lichterbogen, mit dem es in die Welt strahlen kann.

 

So steht es nun bald wieder für einige Wochen am Fenster und leuchtet in die Welt. Ein Gruß aus Crottendorf und seiner erzgebirgischen Tradition. 

Und auch Emily kann sich freuen, wenn sie das Christkind sieht und es ab und zu auch einmal streichelt.

Das echte Christkind sieht vielleicht lächelnd vom Himmel herab auf seine kleinen Erdenkinder, für welche es vor über 2000 Jahren zu uns kam.

 

© Uwe Seltmann

Oktober 2019

Letzte Weihnacht

Letzte Weihnacht

 

Wach. Ein einziger Augenblick reißt ihn aus dem Schlaf. Der Mann blinzelt in die Dunkelheit seines Zimmers und begreift erst allmählich, dass er nur geträumt hat.

 

Ein schöner Traum war es gewesen, einer jener Träume, die ihn seit seiner Kindheit begleiten:

 

„Es ist still im Wald. Der Weg liegt wie ein silberner Faden zwischen den Fichten, gerade und endlos. Unzählige Male ist er diesen Pfad bereits gegangen. Und doch führt er ihn heute weiter als je zuvor. Hinaus aus der Welt, wie er sie kennt. Früher hat er sie geliebt. Jetzt spürt er nur noch Enttäuschung und Hass; sehnt sich nach einer anderen Welt, die auch für ihn Glück und Freude bereithält.

 

Der Wald öffnet sich. Die Fichten weichen lichten Kiefern und das Licht fällt warm auf den Boden. Die Bäume rücken weiter auseinander, als wollten sie ihm Raum schenken, damit seine Sehnsucht Platz findet.

 

Der Weg wird heller. Nicht mehr weit, und er erreicht jenen geheimnisvollen Ort, an dem die Zeit keinen Wert mehr hat, denn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen unsichtbar ineinander.

 

Da liegt der See, von dem er schon so oft geträumt hat. Türkis glitzernd, ruhig atmend. 

Er läuft zwischen den letzten Bäumen hindurch, tritt ans Ufer und fühlt, wie ein innerer Frieden über ihn kommt.

Rund um den See liegen kleine Orte mit bunten Holzhäusern. Sein Dorf ist nicht weit; der Weg ist vertraut. Hier kann er die Schwelle zur Vergangenheit überschreiten und jenen begegnen, die ihm im Tod vorausgegangen sind. Oft hat er hier gestanden und seine Großeltern gesehen, die er nie kannte. Und heute, so spürt er, werden auch Vater und Mutter kommen.

 

Er steigt den Hügel hinauf. Oben breitet sich das Dorf der Ahnen aus. Still, friedvoll und von einer Schönheit, die nicht von dieser Welt ist. Ein Dorf, in dem nichts Dunkles existiert; kein Hass, kein Tod, kein Schmerz.

 

Ein neues Haus ist hinzugekommen. Er ahnt, wer darin wohnt. Dann sieht er seine Eltern. Wie oft hat er seit ihrem Tod mit ihnen geredet, ratlos, sehnsüchtig, einsam. Nun stehen sie vor ihm. Vertraut und doch verwandelt; als strahlen sie im Licht eines Glaubens, der Körper und Seele neu erschafft.“

 

Langsam verblasst der Traum. Die Uhr zeigt drei Uhr nachts. Er liegt reglos und lässt die letzten Bilder an sich vorüberziehen – Wärme, Licht, Stimmen aus einer Welt, die er so sehr vermisst.

 

Doch ein Gedanke geht ihm nicht aus dem Sinn: Dieser Traum kam oft, wenn jemand aus seiner Familie starb. „Ist das wirklich so? Oder nur Einbildung?“, fragt er sich. „Bin ich der Nächste? Vielleicht finde ich doch noch Frieden – wenigstens dort oben. Vielleicht muss ich nur den Himmel erreichen, um nicht mehr so allein zu sein wie hier auf Erden.“

 

Tränen brennen in seinen Augen. Er wünscht sich Weihnachten wie früher – mit Eltern, einer Familie; mit Lachen und Stimmen, die durch weihnachtlich geschmückte Zimmer hallen. 

Doch nichts davon wird er mehr erleben. Lautes Schluchzen durchbricht die nächtliche Stille und bohrt sich in sein Herz.

 

Gegen fünf Uhr erhebt er sich. Heiligabend liegt wie eine leere, einsame Eiswüste vor ihm. Früher brachte der Alltag spätestens am 27. Dezember wieder Farbe ins Leben. Nun bleibt alles grau, trist und einsam. Einsamkeit ist ein kalter Gegner. Sie macht den Körper müde und schwer. Sie zieht Geist und Seele in einen eisigen Abgrund, aus dem es kein Entrinnen gibt.

 

„Morgen beginnt in meinem Heimatort die Christmette“, denkt er. „Wie schön wäre es, dort zu sein. Doch ohne jemanden an der Seite wäre es nur ein anderer Ort, an dem die Stille etwas lauter klingt.“

 

Doch ein anderer Gedanke flammt in ihm auf:

„Ich fahre ins Gebirge. Noch liegt kaum Schnee. Von jener Bank aus, auf der ich als Kind zwischen Mutti und Vati saß, werde ich auf meine Heimat schauen. Vielleicht etwas Frieden finden, wenn die Glocken der Kirche zum Weihnachtsfest läuten.”

 

Er steht auf. Die Kaffeemaschine knattert, als wolle sie ihn zurück ins Leben rufen. Frischer Kaffee. Ein Stück Weihnachtsstollen. Im Radio ein vertrautes Weihnachtslied. Die kurze Andacht bietet einen Hauch Trost.

 

Er blickt zum erleuchteten Turm der benachbarten Kirche. Doch sein Herz sieht die kleine Kirche seiner Jugend – dieselbe Form der Türme, dieselbe Sehnsucht, doch viele Kilometer dazwischen.

 

In der Küche sitzend, wandern die Gedanken zurück in die Kindheit: Wie er mit dem kleinen Handwagen zum Bäcker zieht, beladen mit Eimern voller Zutaten für die Stollen. Der Geruch der warmen Backstube. 

 

Tränen steigen erneut in ihm auf. Die Einsamkeit dieses Tages ist nicht nur ein Gefühl – sie ist ein Klotz auf seinem Brustkorb, ein dunkler Schatten an seiner Seite. Er fürchtet die Einsamkeit und spürt den Körper, der immer schwächer wird. Und er fürchtet sich vor einem Fest, das nur aus Stunden besteht, die nicht vergehen wollen.

 

Seit der Scheidung ist etwas in ihm zerbrochen. Die Hoffnung auf einen Neubeginn erloschen. Die Zukunft: ein nebliger Pfad aus Sorgen und Zweifeln. Doch heute will er dennoch hinaus. Dorthin, wo die Vergangenheit lebendig wird und etwas Trost spendet.

 

Tief in seinem Innern sehnt er sich nach Frieden, nach einem Ende der Müdigkeit. Nach einem Ort, an dem man nicht mehr kann – und nicht mehr muss.

Wie gern wäre er jetzt im Dorf seiner Vorfahren, wo Liebe noch ein Zuhause hat und jedes Lächeln ein Versprechen ist. Doch dieses Dorf liegt weit weg, jenseits von Verstand und Zeit.

 

Schließlich rafft er sich auf. Durch das Fenster sieht er sein Auto, überzogen von feinem Eis. Die Straße draußen ist leer. So leer wie sein Herz an diesem Morgen.

 

Die Fahrt dauert etwa 45 Minuten. Die Nacht hält den Heiligabend noch fest umklammert.

Er parkt vor dem einzigen Laden im Ort. Alles wirkt fremd – zu viele Jahre sind vergangen. Überall fühlt er sich heimatlos und unverstanden. Umso größer ist die Sehnsucht nach einem Ort jenseits der Zeit.

 

Mit Wanderstöcken und Rucksack beginnt er den Aufstieg. Der Schnee ist dünn, doch der Atem ist schwer. Immer wieder muss er stehen bleiben.

 

Nach langer Zeit erreicht er den seit Kindheit vertrauten Platz.Die Bank ist verschwunden, doch ein alter Baumstumpf wartet auf ihn. Er setzt sich. Blickt über seine Heimat. Blickt in sich hinein. Wieder steigen Tränen auf. Voller Sehnsucht schauen die Augen in die Ferne, als suchen sie eine andere Welt. 

 

Dieser Blick vereint sich mit einem kurzen, stechenden Schmerz. So plötzlich wie ein Blitz, der Angst macht und die Nacht erhellt. Ist das der letzte Schmerz auf Erden? Sein Körper sackt nach vorn. Die Stille nimmt ihn auf. Im Dorf läuten die Glocken zur Weihnacht.

 

Als man ihn findet, liegt ein Lächeln in seinem Gesicht. Still und friedlich ist er heimgekehrt und feiert nun im Himmel seine letzte Weihnacht. Im Dorf jenseits aller Zeit wird zu diesem Weihnachtsfest ein neues Haus gebaut. Aus einem Traum, welcher ihn ein Leben lang begleitet hat, wird im Tod eine Wirklichkeit, die niemand mehr zerstören kann.

Endlich angekommen.

 

 

© Uwe Seltmann 

Adventszeit 2025